Warum schießen gesunde Menschen auf die eigenen Landsleute?
Die Antwort auf diese Frage soll sichtbar machen, wie Menschen, die weder krank noch böse sind, Gewalt als notwendig, richtig oder sogar moralisch geboten erleben können. Dieses Verständnis rechtfertigt Gewalt nicht, sondern zeigt, wo Selbstführung ansetzen kann, um einen Weg aus der Gewalt zu öffnen.
Die drei Wege Kraft, Einigung und Vielfalt werden auf der Ebene der Selbstführung am Prozess der Schlüssigkeitsherstellung sichtbar gemacht. Der wissenschaftliche Bezugspunkt dahinter ist die Salutogenese von Aaron Antonovsky, bei der die Fähigkeit, Schlüssigkeit herzustellen, eine zentrale Rolle spielt.
Das folgende Beispiel nennt bewusst keine konkreten Namen, Orte oder politischen Lager. Es geht nicht darum, einen bestimmten Konflikt zu bewerten. Stattdessen soll sichtbar werden, wie Menschen in politischen Konflikten innere Schlüssigkeit herstellen.
Menschen protestieren gegen die Regierung
Ausgangspunkt ist ein unbekanntes Land. Menschen gehen auf die Straße. Sie protestieren gegen die Regierung. Es kommt auch zu Gewalt und Zerstörung. Sie machen ihrer Wut Luft, weil sie die bestehende Ordnung nicht mehr als sicher, gerecht oder tragfähig erleben und eine andere Regierung wollen.
Andere erleben dieselben Proteste ganz anders. Für sie bedrohen die Protestierenden Sicherheit, Stabilität und die Zukunft des Landes. Sie sehen, wie Wut und Verzweiflung durch ausländische Propaganda instrumentalisiert werden, um Zerstörung und Chaos anzustiften.

Selbstführung als Prozess der Schlüssigkeitsherstellung
An drei regierungsnahen Personen wird sichtbar, wie unterschiedlich Menschen denselben äußeren Konflikt innerlich verarbeiten und auf jeweils anderem Weg innere Schlüssigkeit herstellen.
Schlüssigkeit durch Kontrolle des Umfeldes
Thor ist überzeugter Unterstützer der Regierung. Er erlebt die Protestierenden als Irritation seiner Überzeugung. Für ihn sind sie eine Gefahr, gegen die vorgegangen werden muss. Seine eigene Seite der Irritation hinterfragt er nicht: seine Überzeugung, dass die Regierung für eine gute Zukunft steht. Thor gewinnt innere Schlüssigkeit, indem er einseitig auf Kontrolle des äußeren Umfelds setzt. Er versucht, die äußere Seite, also die Protestierenden, zu kontrollieren, zurückzudrängen oder auszuschalten. Gewalt erscheint ihm als notwendiges Mittel für Verantwortung, Schutz und Beitrag zum Gemeinwohl.

Schlüssigkeit durch Anpassung
Hanna steht ebenfalls auf der Seite der Regierung, aber weniger aus eigener gefestigter Überzeugung. Sie ist eingebunden in einen Kreis von Menschen, die regierungspositiv denken: Familie, Freunde oder Kolleginnen und Kollegen. Sie erlebt die Protestierenden auch als Irritation, weil deren Forderungen nicht zu dem passen, was diese ihr nahestehenden Menschen vertreten. Gleichzeitig versteht sie, warum Menschen auf die Straße gehen.
Hanna hinterfragt nicht, warum die Menschen, denen sie nahesteht, diese Haltung vertreten. Sie prüft auch nicht, was sie selbst eigentlich für richtig hält. Stattdessen findet sie Orientierung und gewinnt innere Schlüssigkeit, indem sie sich mit ihnen in Übereinstimmung bringt. So bleiben Anerkennung, Nähe und Sicherheit erhalten. Ihr gewaltvolles Vorgehen gegen die Protestierenden entsteht nicht aus eigener politischer Überzeugung, sondern aus dem Bedürfnis, Halt nicht zu verlieren: die Nähe zu den Menschen, die Anerkennung ihrer Gruppe und auch die wirtschaftliche Sicherheit, die mit dem Arbeitsplatz verbunden ist.

Schlüssigkeit durch Erweiterung der Denk- und Handlungsmöglichkeiten
Mira steht ebenfalls auf der Seite der Regierung. Auch sie erlebt die Protestierenden als Irritation, weil deren Handeln ihrer bisherigen Sicht auf Ordnung, Sicherheit und Zukunft entgegenläuft. Anders als Thor und Hanna verhält sie sich nicht so, dass sie unreflektiert innere Schlüssigkeit herstellt. Sie wettert nicht gegen die Protestierenden und übernimmt auch nicht einfach, was nahestehende Menschen und ihr Arbeitgeber sagen.
Stattdessen legt sie die beiden Seiten der Irritation offen. Die eine Seite ist ihre eigene regierungsnahe Sicht: Sie will Ordnung bewahren, Sicherheit erhalten und verhindern, dass das Land im Chaos versinkt. Die andere Seite ist die Sicht der Protestierenden: Sie wollen Veränderung, weil sie die bestehende Ordnung nicht mehr als sicher, gerecht und zukunftsfähig erleben.
Mira erkennt eine gemeinsame Basis: Beide Seiten wollen Sicherheit, Zukunft und ein lebbares Land. Der Unterschied liegt im jeweiligen Narrativ, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Für die regierungsnahe Seite entsteht Sicherheit durch Bewahrung. Für die Protestierenden entsteht Sicherheit durch Veränderung. Die einen haben Angst vor Chaos. Die anderen haben Angst vor dem Weiter-so.

Mira trägt diesen Unterschied zunächst mit innerer Unruhe. Das braucht Energie, gibt ihr aber Zeit und Freiraum, neue Denk- und Handlungsweisen zu suchen, die ein spontanes Verhalten in bewusstes Handeln verwandeln können. Dadurch eröffnet sich neben dem Weg der Kontrolle und dem Weg der Anpassung ein dritter Weg: der Weg der Vielfalt.
Vielfalt bedeutet hier nicht Beliebigkeit. Mira muss nicht jede Forderung der Protestierenden richtig finden. Sie muss auch ihre eigene Sorge um Ordnung und Sicherheit nicht aufgeben. Vielfalt bedeutet, dass sie mehrere Deutungen zulässt, ernsthaft durchdenkt:
- Vielleicht sind die Protestierenden nicht einfach Feinde der Ordnung, sondern Menschen, die eine andere Ordnung wollen.
- Vielleicht ist die Regierung nicht nur Schutzmacht, sondern für manche Menschen auch Teil des Problems.
- Vielleicht ist Stabilität wertvoll, aber nicht jede Form von Stabilität ist gerecht.
- Vielleicht kann Veränderung notwendig sein, ohne dass sie automatisch Chaos bedeutet.
- Vielleicht kann Sicherheit nicht nur durch Härte entstehen, sondern auch durch Vertrauen, Beteiligung und gerechte Verfahren.
- Vielleicht ist nicht die Existenz des Protestes die eigentliche Gefahr, sondern die Unfähigkeit, mit Protest friedlich umzugehen.
Aus diesen neuen Gedanken entstehen neue Handlungsmöglichkeiten:
- Mira kann zuhören, ohne sofort zuzustimmen.
- Sie kann widersprechen, ohne abzuwerten.
- Sie kann ihre Sorge um Sicherheit aussprechen, ohne Gewalt zu rechtfertigen.
- Sie kann die Anliegen der Protestierenden ernst nehmen, ohne sich vollständig mit ihnen gleichzusetzen.
- Sie kann in ihrem Kreis sagen: „Ich teile nicht alles, was die Protestierenden fordern. Aber ich will verstehen, warum sie so wütend sind.“
- Sie kann fragen: „Was müsste passieren, damit Veränderung möglich wird, ohne dass Menschen Angst vor Chaos haben müssen?“
- Sie kann einwenden: „Wenn wir alle Protestierenden nur als Gefahr behandeln, verschärfen wir vielleicht genau den Konflikt, den wir lösen wollen.“
- Sie kann zwischen Menschen, Anliegen und Mitteln unterscheiden: Sie kann gewaltvolle Mittel ablehnen und trotzdem die Gründe vieler Protestierender ernst nehmen.
- Sie kann staatliche Ordnung wichtig finden und trotzdem fragen, ob diese Ordnung für alle Menschen Schutz bietet.
- Sie kann loyal zu ihrem Land sein und trotzdem Kritik an der Regierung zulassen.
Aus der Irritation wird ein Suchraum. Mira führt sich selbst, indem sie die Spannung nicht vorschnell beendet. Sie hält den Unterschied aus und erweitert die eigene Wirklichkeit von einem Entweder-oder zu einem Sowohl-als-Auch.
Das hießt ich muss die andere Seite nicht werden, um sie zu verstehen. Und ich muss meine eigene Seite nicht verraten, um sie zu hinterfragen, sondern es entsteht ein doppeltes Verstehen: sicher, gerecht, zukunftsfähig Regierung kann mit dem Narrativ der Protestierenden als auch über das Narrativ der aktuellen Regierung begründet werden.
So entsteht innere Schlüssigkeit nicht durch Kontrolle, nicht durch Anpassung, sondern durch ein doppeltes Verständnis beider Seiten. Damit öffnet sich eine Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten, zwischen denen Mira nun bewusst wählen kann:
- Sie kann sich entscheiden, nicht gegen die Protestierenden vorzugehen, nur weil andere es von ihr erwarten.
- Sie kann in Gesprächen aus der Abwertung aussteigen, wenn Protestierende pauschal als Feinde, Verräter oder Chaoten bezeichnet werden.
- Sie kann ihre Sorge um Ordnung und Sicherheit aussprechen, ohne Gewalt gegen Protestierende zu rechtfertigen.
- Sie kann die Anliegen der Protestierenden ernst nehmen, ohne jede Forderung übernehmen zu müssen.
- Sie kann eine Sprache wählen, die beide Seiten menschlich hält und den Konflikt nicht weiter anheizt: als Menschen mit unterschiedlichen Ängsten, Bedürfnissen und Vorstellungen.
Diese Möglichkeiten eröffnen Mira gewaltfreiere Wege im Umgang mit dem politischen Konflikt als Thor oder Hanna.
Anders als Thor stellt Mira ihre innere Schlüssigkeit nicht dadurch her, dass sie die andere Seite kleiner macht. Sie entmenschlicht die Protestierenden nicht, um sich selbst sicher zu fühlen. Anders als Hanna stellt sie ihre innere Schlüssigkeit nicht dadurch her, dass sie die Menschen, denen sie nahesteht, blind bestätigt, um dazuzugehören. Sie befeuert den Konflikt nicht durch Abwertung, Anpassung oder Gewalt. Stattdessen wählt sie ihren eigenen Beitrag bewusst und verhindert so, dass sie durch ihr Verhalten selbst zum Gewaltträger wird.
Sie hat die Irritation als Chance genutzt, sich selbst bewusst so zu führen, dass gewaltvolles Verhalten in friedvoller wirkendes Handeln verwandelt werden kann. Mira hält den Unterschied zwischen beiden Seiten aus, bis aus Reaktion Wahlfähigkeit entsteht.
Genau darin liegt der Weg der Vielfalt: Es dürfen mehrere Narrative, unterschiedliche Sichtweisen und verschiedene Handlungsmöglichkeiten gleichzeitig nebeneinander bestehen. Wo Vielfalt gepflegt wird, werden Ansätze zur Bearbeitung von Konflikten sichtbar, die aus einer einzelnen Perspektive heraus nicht zu erkennen wären.

DIE ANTWORT: Weil Schlüssigkeit stärker wirken kann als Gewaltfreiheit
Politische Gewalt entsteht nicht nur aus Bosheit oder Krankheit. Sie kann entstehen, wenn Menschen einen äußeren Konflikt innerlich so verarbeiten, dass Gewalt für sie schlüssig wird.
Das kann über den Weg der Kontrolle des Umfeldes geschehen: Die anderen erscheinen dann als das Problem, das bekämpft, zurückgedrängt oder ausgeschaltet werden muss. Es kann aber auch über den Weg der Anpassung an nahestehende Freunde, Kollegen und Gemeinschaft geschehen: Wenn dort Gewalt legitimiert wird, kann sie auch für den einzelnen Menschen schlüssig werden.
Der Nährboden für eskalierende Gewalt

Der Nährboden für eskalierende Gewalt entsteht dort, wo alle Beteiligten die Gewalt des anderen als Bestätigung ihrer eigenen Überzeugung erleben: Der andere ist das Problem, gegen das gewaltvoll vorgegangen werden muss, damit es innerlich wieder schlüssig wird.
Die Pause als Beginn der Deeskalation
Dort, wo Gewalt die Beteiligten auf beiden Seiten in ihrer Überzeugung bestätigt, braucht es eine Pause. Sie ist der Moment, in dem ein Mensch sein gewohntes Reaktionsmuster unterbricht und wieder in bewusste Selbstführung kommt.
Jeder Beteiligte kann dazu beitragen, indem er seine Aufmerksamkeit bewusst auf beide Seiten der Irritation richtet. So entsteht die Zeit, das eigene gewohnte Verhalten zu hinterfragen und zu prüfen, wie gerade innere Schlüssigkeit hergestellt wird. Wie Mira kann er dadurch seine Denk- und Handlungsmöglichkeiten erweitern und bewusst eine Handlung wählen, die befriedender wirkt als das ursprüngliche Verhalten.
Dieser Weg der Vielfalt liegt nicht nahe. Er ist kontraintuitiv, weil es Bewusstsein braucht, um die eigenen Verhaltensmuster aufzudecken, und Kraft und Training, um sie in friedvoller wirkendes Handeln zu verwandeln.
Wer jedoch in einer Irritation nicht sofort seinem ersten Impuls folgt, wechselt von einem Getriebenwerden durch den Mechanismus der Schlüssigkeitsherstellung zu bewusster Selbstführung. Die Betrachtung beider Seiten der Irritation wirkt befreiend, weil sie die Denk- und Handlungsmöglichkeiten erweitert und neue befriedende Wege eröffnet.
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Nach dem Beispiel: Was bedeutet das für mich?
In diesem Beitrag wurde Selbstführung am Beispiel bei anderen sichtbar: an Menschen, die in einem politischen Konflikt innere Schlüssigkeit herstellen. Im nächsten Beitrag geht es um Selbstführung bei einem selbst. An Beispielen aus dem eigenen Erleben wird greifbar, wie der dritte Weg der Selbstführung hilft, Irritationen bewusster wahrzunehmen, gewohntes Verhalten zu unterbrechen und friedvoller zu handeln.
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