Regst du dich manchmal über jemanden auf? Über einen falschen Ton. Über einen Kommentar. Über eine hochgeklappte Klobrille. Und ist für dich in diesem Moment absolut klar, warum? Genau dann ist Selbstführung im Alltag gleichzeitig wichtig und schwierig.
In diesem Beitrag wird eine einfache Methode gezeigt, die du nutzen kannst, um dich selbst aus einem Verhalten herauszuführen, das sich intuitiv richtig anfühlt, aber nicht unbedingt friedvoll wirkt.
Ich kenne keinen besseren Ansatz als den Weg der Vielfalt, um sich aus einer Situation herauszuführen, in der das eigene Fühlen, Denken und Verhalten schlüssig zusammenpassen. Denn solange sich das eigene Verhalten richtig und stimmig anfühlt, gibt es innerlich keinen Anlass, es zu hinterfragen. Unabhängig davon, ob es gewaltvoll oder friedvoll wirkt.
Nur mit einem gedanklichen Anker kann das eigene Verhalten pausiert und seine Wirkung im Vergleich zu anderen Handlungsmöglichkeiten überprüft werden. Wer eine Irritation als Anker für eine Denkpause verwendet und seine Aufmerksamkeit auf die beiden Seiten der Irritation richtet, öffnet sich dem Weg der Vielfalt. Es entstehen neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten, mit denen das aktuelle Verhalten bewusst mit der Wirkung anderer Handlungsweisen verglichen werden kann.
Wie dieser Ablauf von innerer Schlüssigkeit und Verhalten über die Denkpause der zwei Seiten einer Irritation zu erweiterten Denk- und Handlungsmöglichkeiten funktioniert, zeigt das folgende Beispiel: eine hochgeklappte Klobrille im gemeinsamen Bad.
Innere Schlüssigkeit
Nach ein paar Wochen in Spanien komme ich zurück an meinen deutschen Wohnsitz, wo ich mit einem Untermieter zusammenwohne. Ich gehe ins gemeinsame Bad und bin überrascht: Die Klobrille ist oben.
Sofort kommt Ärger in mir hoch und habe direkt eine passende Erklärung: „Das Ferkel hat im Stehen gepinkelt.“
In diesem Moment fühlt sich meine Reaktion stimmig an. Die Beobachtung, die Erklärung und mein Gefühl passen zusammen. Genau diese innere Schlüssigkeit macht es so schwer, aus dem eigenen Verhalten auszusteigen.

Vom Verhalten zur Handlung, die friedvoller wirkt
Im Kontext des Friedensspiels und der Friedensmatrix beschreibt Verhalten eine unmittelbare Reaktion auf eine Irritation. Es entsteht schnell, ohne bewusste Prüfung, und fühlt sich im ersten Moment innerlich schlüssig an.
Diese Schlüssigkeit kann jedoch auch dadurch entstehen, dass ich mein Gegenüber, seine Sichtweise oder sein Verhalten abwerte. Dann wirkt mein Verhalten für mich zwar passend, trägt aber möglicherweise zu sozialem Unfrieden bei.
Eine Handlung, die friedvoller wirkt, dagegen ist das Ergebnis bewusster Selbstführung in Richtung Frieden. Sie braucht eine Denkpause. In dieser Pause nehme ich die Irritation bewusster wahr, betrachte meine erste Reaktion und vergleiche sie mit anderen Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen. Dabei prüfe ich, welche Wirkung mein Tun vermutlich hat: auf mich selbst, auf mein Gegenüber und auf die Beziehung.

Damit Verhalten in eine friedvoller wirkende Handlung transformiert werden kann, braucht es den bewussten Entschluss, eine Irritation als Anker zu nutzen, um eine Denkpause einzulegen. Ebenso braucht es die Bereitschaft, den Weg der Vielfalt einzuüben. Gerade dort, wo Vielfalt zunächst weniger schlüssig und anstrengend erscheint, entsteht die Möglichkeit, Gefühle, Gedanken und Handeln so mit der Außenwelt in Beziehung zu bringen, dass daraus ein friedvolleres Erleben wachsen kann.
Von der Denkpause zur Vielfalt
Die Denkpause entsteht, wenn ich die Irritation als Anker nutze und innehalte. In diesem Moment stelle ich mir bewusst die Frage: Was sind die zwei Seiten der Irritation?
So richte ich meine Aufmerksamkeit nicht nur auf das, was mich stört, sondern auch auf das, was darin sichtbar werden will. Denn jede Irritation besteht aus einer Unterscheidung mit zwei Seiten.
In dem Beispiel ist die eine Seite meine Erwartung: „In diesem Haus wird im Sitzen gepinkelt.“
Die andere Seite meine Beobachtung: „Die Klobrille ist oben.“
Zwischen beiden Seiten liegt der Unterschied. Er entsteht, weil die Beobachtung nicht zu meiner Erwartung passt. Der Ärger, den ich fühle, braucht diese beiden Seiten der Unterscheidung. Denn eine Klobrille allein kann weder irritieren noch Ärger auslösen.

Mit der Denkpause wird bewusst, was ich beobachtet habe und was meine Erwartung war. Dadurch kann ich den Prozess der Schlüssigkeitsherstellung als das Erfinden einer passenden Geschichte entlarven. Dass der Untermieter im Stehen gepinkelt hat, kann stimmen. Es muss aber nicht stimmen.
Damit wird meine erste Erklärung nicht automatisch zur Grundlage meines Verhaltens. Stattdessen entsteht ein Denkraum mit weiteren Handlungsmöglichkeiten, die ich auf ihre Wirkung hin vergleichen kann.
Denk- und Handlungsmöglichkeiten
Aus diesem Denkraum heraus entsteht eine Vielzahl an Handlungsmöglichkeiten. Aus diesem dritten Weg der Selbstführung kann der erste Weg, die Kontrolle des Umfelds, oder der zweite Weg, die Anpassung, entstehen. Das muss aber nicht so sein. Es kann auch bewusst entschieden werden, sich mehr Denkzeit zu nehmen oder auf die Ebene der Beziehungsgestaltung zu wechseln.
Kontrolle des Umfelds
Der erste Weg der Kraft in der Friedensmatrix auf der Ebene der Selbstführung besteht darin, das Umfeld so zu gestalten, dass die äußere Seite der Irritation weniger wahrscheinlich wird.
Ich könnte zum Beispiel eine der zwei Toiletten abschließen, sodass nur ich sie benutzen kann.
Vorteil: Ich stelle damit schnell und effektiv weitere Irritationen durch eine offene Klobrille ab.
Nachteil: Das könnte zu Unfrieden mit den anderen Mitbewohnern führen. Es bleibt ungeklärt, warum die Klobrille oben war und ob es sich um einen Einzelfall handelte.
Anpassung
Der zweite Weg der Anpassung besteht darin, an der inneren Seite der Irritation zu arbeiten.
Ich könnte das Bedürfnis hinter meiner Erwartung herausfinden. Vielleicht merke ich: Mir geht es vor allem um Ordnung. Dann könnte ich entscheiden, die Klobrille und den Klodeckel selbst zu schließen und damit meinem Bedürfnis nach Ordnung auf direktem Weg gerecht zu werden.
Oder ich kann meine Erwartung verändern und selbst anfangen, im Stehen zu pinkeln. Dann passe ich mich der vermuteten Wirklichkeit an.
Vorteil: Ich bleibe in meinem eigenen Einflussbereich, ohne die soziale Ruhe zu stören.
Nachteil: Übertriebene Anpassung kann in Selbstabwertung kippen.

Handlungsmöglichkeit Beziehungsgestaltung

Wir haben nun am Beispiel der hochgeklappten Klobrille einige Denk- und Handlungsmöglichkeiten auf der Ebene der Selbstführung gesehen: Ich kann mein Umfeld kontrollieren. Ich kann mich anpassen. Ich kann mir Denkzeit nehmen. Oder ich kann erkennen, dass es sinnvoll ist, mit dem Untermieter in Kontakt zu treten.
Denn durch ein Gespräch können Unklarheiten geklärt, weitere Lösungsmöglichkeiten eröffnet und die Wirkung möglicher Handlungen besser überprüft werden.
Wenn der innere Frieden über reine Selbstführung noch nicht erreicht ist, braucht es die Ebene der Beziehungsgestaltung.
Innerer Frieden wird erlebt, wenn Gefühle, Gedanken, Handeln und Außenwelt wie Puzzleteile schlüssig ineinanderpassen.
Wie eine befriedende Beziehungsgestaltung gelingen kann, wird in den nächsten Beiträgen gezeigt.

