Die erste Ebene der Friedensmatrix
Auf dieser Ebene unterscheidet die Friedensmatrix drei Wege, die über Selbstführung in Richtung Frieden gehen: über die Kontrolle des Umfeldes, durch Anpassung und durch die Erweiterung der Denk- und Handlungsmöglichkeiten.
Selbstführung in Richtung Frieden beginnt mit der Frage, wie ein Mensch mit sich selbst umgeht, wenn ihn etwas irritiert. Sie führt über das Bewusstwerden des inneren Prozesses, bevor aus einem ersten Impuls eine automatische Reaktion wird.
Durch die Klärung der Frage, was die beiden Seiten einer Irritation sind, entsteht ein größerer Denkraum. In diesem Raum kann gewohntes Verhalten erkannt und, wenn nötig, durch ein friedvolleres Handeln ersetzt werden.
Eine Irritation startet einen inneren Prozess
Eine Irritation kann von außen kommen, durch etwas, das geschieht. Er kann aber auch von innen kommen, durch etwas, das ein Mensch erinnert, fühlt, denkt oder befürchtet:
- Ein Satz trifft.
- Eine Handlung stört.
- Ein Verhalten widerspricht der eigenen Erwartung.
- Eine Erinnerung taucht auf.
- Ein Gefühl meldet sich.
- Ein neuer Gedanke taucht auf.
Eine Irritation startet einen inneren Prozess. Dieselbe Situation kann den einen Menschen irritieren und den anderen unberührt lassen. Wenn einen etwas irritiert, gibt es immer zwei Seiten.
Die Frage „Was sind die zwei Seiten der Irritation?“ kann gewohnte Reaktionsmuster unterbrechen. Sie verlangsamt, öffnet den eigenen Denkraum und macht den inneren Prozess bewusst und gestaltbar.
Ein einfaches Beispiel
Ich genieße die Ruhe und höre plötzlich ein lautes Geräusch.
Daraus kann ein reaktives Verhalten entstehen. Ich erschrecke, werde ärgerlich, spanne mich an oder will, dass das Geräusch sofort verschwindet. Eine Seite der Irritation soll schnell weg, damit es wieder passt.
Bewusstes Denken beginnt dort, wo nicht direkt auf die Irritation reagiert wird. Stattdessen wird erst einmal innegehalten, hingespürt und unterschieden.
„Was sind die zwei Seiten der Irritation?
Die eine Seite ist mein Erleben: Ich bin gerade in Ruhe.
Die andere Seite ist die neue Tatsache: Da ist plötzlich Lärm.
Wer diese beiden Seiten sucht und benennen kann, hat sein normales Reaktionsverhalten kurzzeitig auf Pause gesetzt: Ich war gerade in Ruhe und jetzt ist da Lärm.
Damit ist der Lärm noch nicht verschwunden. Aber die Irritation hat nicht mehr automatisch die Führung übernommen. Zwischen Reiz und Reaktion entsteht ein kleiner innerer Spielraum. In diesem Spielraum kann ich bewusst nachspüren, wie ich mich gerade erlebe und mich jeweils mit einer der beiden Seiten der Irritation und dem Unterschied in Bezug setzen.
- Ich kann die Ruhe würdigen, die eben noch da war: Ich möchte still bleiben, gesammelt sein und nicht aus meiner Mitte fallen. Was brauche ich, um mit meiner Ruhe verbunden zu bleiben?
- Ich kann den Lärm wahrnehmen, der dazugekommen ist: Da ist etwas Neues, Lautes, Störendes, das meine Aufmerksamkeit bindet. Was ist das für ein Lärm? Sollte ich ihm nachgehen oder ihm keine weitere Bedeutung geben?
- Und ich kann den Unterschied zwischen beiden Seiten benennen: Ich war in Ruhe und bin jetzt wach. Ich brauche Orientierung, um wieder in die Ruhe zu kommen. Was kann ich tun, damit ich mich wieder orientiert fühle?
Statt automatisch zu reagieren, eröffne ich mir eine Vielzahl von Denkmöglichkeiten. Vielleicht ist das Geräusch wichtig. Vielleicht geht es gleich wieder vorbei. Vielleicht muss ich nicht sofort reagieren, sondern kann erst prüfen, woher der Lärm kommt. Vielleicht kann ich sogar mit meiner Ruhe verbunden bleiben, obwohl es laut geworden ist.
So wird aus reaktivem Verhalten bewusstes Denken. Je weiter ich denken kann, desto mehr Handlungsmöglichkeiten werden sichtbar. Dadurch können sich neue Wege öffnen, die besser zu mir und zur Situation passen.
Die drei Wege der Selbstführung
Die Friedensmatrix unterscheidet auf der Ebene der Selbstführung zwischen:
- Kontrolle des Umfeldes: Etwas im Umfeld wird verändert, zum Beispiel das Fenster geschlossen, damit der Lärm leiser wird.
- Anpassung: Die eigene Haltung zur Situation verändert sich, zum Beispiel indem der Lärm angenommen wird.
- Denk- und Handlungsmöglichkeiten erweitern: Der Denkraum wird vergrößert, damit weitere und passendere Handlungsmöglichkeiten sichtbar werden.
In den kommenden beiden Beiträgen werden die drei Wege der Selbstführung an konkreten Beispielen veranschaulicht: zuerst an einem politischen Konflikt, dann an Situationen aus dem Alltag. Dabei zeigt sich, welche Möglichkeiten jeder Weg eröffnet, wo seine Grenzen liegen und warum es auf die jeweilige Situation ankommt, um den passenden Weg wählen zu können.
